„Bist du bereit, dich aufs nächste Level zu befördern?“ Das ist ein Satz, den ich in letzter Zeit so inflationär auf allen möglichen Kanälen, dass es mir mittlerweile wirklich die Haare aufstellt, wenn ich über ihn stolpere. Wachsen, schneller, größer in allen Belangen sei der einzige Weg, um erfolgreich und erfüllt zu leben. Das ist die Botschaft, die dahinter steckt und die uns förmlich eingetrichtert wird.
Was ist denn dieses nächste Level überhaupt und muss es eigentlich immer ein nächstes Level geben? Das ist eine Frage, die ich mir immer wieder sehr, sehr intensiv gestellt habe.
Ich selbst wollte nie geplant auf ein weiteres Treppchen in meinem Leben steigen. Ich habe mich immer wieder vom Leben tragen lassen und mich dadurch weiterentwickelt. Natürlich war ich selbstwirksam, ich habe Schritte gesetzt, ich bin aktiv geworden, ich habe mir Menschen zur Unterstützung gesucht, aber ich wollte nie wo ankommen oder ein besonderes Level erreichen.
Auf einen Blick
- „Das nächste Level“ ist keine Pflicht, sondern ein Konzept, das Druck erzeugt.
- Echte Weiterentwicklung geschieht im Einklang mit dir selbst.
- Vergleich und Perfektionismus sind Wachstumskiller.
- Achtsamkeit schafft Raum für natürliche Veränderung.
Warum ständiges Wachstum nicht glücklich macht
Ein Level erreichen, das wollte ich zum letzten Mal, als ich mit circa zehn Jahren Super Mario auf meinem Gameboy gespielt habe. Ich war richtig süchtig danach. Einen ganzen Sommer lang am Ossiacher See in Kärnten habe ich Tag für Tag versucht, das nächste Level zu erreichen. Und als ich fertig war, war da ganz kurz ein Gefühl von Zufriedenheit und dann wieder ein Gefühl von Leere. Und seitdem weiß ich, dass Videogames nichts für mich sind, weil sie mir einfach nicht guttun. Sie machen mich süchtig und lassen mich nach dem Erreichen des Ziels frustriert zurück.
Genau das passiert aber auch, wenn wir in unserer persönlichen Weiterentwicklung immer versuchen, das nächste Level zu erreichen. Wir verlieren den Blick dafür, was schon da ist. Wir können die Fülle von dem, was wir schon erreicht haben, was uns schon umgibt, überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Damals mit zehn Jahren war ich am schönsten Badesee mit meinen Eltern und einigen Freundinnen, die ich jedes Jahr nur dort traf. Aber ich habe kaum was davon mitbekommen, weil ich so besessen davon war, das nächste Level zu erreichen. Und ja, das ist jetzt mittlerweile über 30 Jahre her …
Mein Burnout hat mich dahin zurückgeführt, wo meine persönliche Weiterentwicklung vor circa zehn bis zwölf Jahren so einen richtigen Schub bekommen hat. Und dorthin, wo sie wirklich begonnen hat, beziehungsweise wo begonnen hat, sich alles zu verändern. Und das war der Punkt, als ich angefangen habe, bewusster wahrzunehmen, was alles Wertvolles um mich und in mir ist.
Wachsen in deinem Tempo, so wie es dir gut tut
Du bist nicht Super Mario. Ich möchte dir auch nicht ständig mit meinen Botschaften vermitteln, dass du woanders hinkommen musst, als du jetzt bist. Lass dir das nicht einreden. Ich werde dir auch keine Kurse und Mentorings verkaufen, damit du endlich was erreichst – zum Beispiel das nächste Level. Wie wäre es, wenn du so zufrieden und glücklich mit dem bist, was du bereits hast, dass du in einer solchen Fülle lebst und selbstverständlich über dich hinauswächst?
„Aber wie soll das gehen, wenn ich zufrieden bin mit dem, was ich habe? Wie soll ich mich dann weiterentwickeln?“, höre ich dich jetzt sagen.
Ganz einfach: indem du so achtsam und bewusst mit dir selbst, deinem Leben, deinen Beziehungen verbunden bist, dass du ganz genau spürst, wenn es nötig ist, den nächsten Schritt zu gehen. Aber nicht, weil du etwas nacheiferst oder weil du vor etwas wegläufst, sondern weil du von dir aus spürst, was es braucht. Ohne Druck, ohne Push, ohne jemanden, der dich von außen antreibt oder triggert.
Warum Social Media kein Maßstab für Wachstum ist
Wir werden ganz oft getriggert dadurch, dass wir ein perfektes Leben auf Instagram sehen. Dort scheinen so viele Menschen das alles schon zu haben, was wir uns so sehnlichst wünschen. Daran glaube ich nicht. Erstens glaube ich nicht, dass diese Trigger auch, wie es oft als Argument verwendet wird, positive Trigger sein können. Denn aus diesem Mangelgefühl heraus etwas erreichen zu müssen, das jemand anderer hat, kann aus meiner Sicht keine positive und nachhaltige Weiterentwicklung entstehen.
ICH habe kein perfektes Leben, das ich herzeigen kann, weil mein Leben einfach nicht perfekt ist. Ich liebe mein Leben. Ich liebe meinen Job, meine Kinder, meinen Mann. Aber weiß Gott, ich habe auch solche miesen Tage, dass ich manchmal einfach nur unter der Bettdecke bleiben möchte. Und es gibt Tage, an denen ich das Gefühl habe, gar nichts im Griff zu haben. Das sind Tage, an denen mich das Leben im Griff hat und nicht ich das Leben. So ist das Leben: Es ist nicht perfekt und es hat Höhen und Tiefen. Ich war auch niemals in New York und auch noch niemals auf Hawaii, um jetzt Udo Jürgens zu zitieren. Warum er mir jetzt gerade in den Kopf gekommen ist, weiß ich nicht.
Wie sieht eigentlich (d)ein Traumleben aus?
Ich kann dir zum Beispiel kein Traumleben präsentieren, das z.B. laut Instagram ein Traumleben wäre. Weil MEIN Traumleben das Leben ist, das ich jetzt im Moment lebe. In meiner Wohnung in Wien, mit allen Vor- und Nachteilen, mit möglichst viel Zeit in Kärnten, mit meinen beiden Kindern, ohne großartige Urlaube in Übersee, mit meiner bald 30 Jahre langen Beziehung mit meinem Mann, die immer wieder prickelnd und immer wieder todlangweilig ist.
Und nichtsdestotrotz fühle ich mich so erfüllt und glücklich in meinem Leben. Gleichzeitig kann ich mir viel vorstellen: Die Villa am Meer, große Reisen, übermäßigen Reichtum vorstellen. Ja, vielleicht wird das eines Tages mal mein Traumleben. Aber im Moment ist mein Traumleben hier und jetzt, und ich genieße es in vollen Zügen. Und genau das – nämlich diese Höhen und Tiefen in meinem Leben und dieses nicht-perfekte Leben – das macht mich so einfühlsam für die Herausforderungen anderer Menschen, denn ich kenne sie selbst.
Wachstum braucht Augenhöhe und echte Verbindung
Ich behaupte nicht, alles erreicht zu haben und über den Dingen zu stehen und schon gar nicht alles besser zu wissen und keine Probleme zu haben. Was sollte das auch bringen? Wenn ich über den Dingen stehe, dann bin ich ja nicht mehr auf Augenhöhe mit den Menschen, die ich begleite – in meinen Beratungen & Mentorings. Dann kann ich meine Arbeit auch nicht mehr mit dem Qualitätsanspruch machen, mit dem ich es jetzt tue. Und davon werde ich einfach nicht runtersteigen, denn das ist mir unfassbar wichtig.
Wie gesagt, ich glaube, wir brauchen für unsere Weiterentwicklung keine Trigger durch Menschen, die alles erreicht haben, was wir uns wünschen. Was wir brauchen, ist eine gute Verbindung mit uns selbst. Und diese Verbindung mit uns selbst, diese tiefe Verbindung, die gibt uns dann so unmissverständlich klare Hinweise, wo der nächste Entwicklungsschritt hingehen soll. So, dass wir die richtigen Schritte in unserem Leben machen. Das ist meine Art zu wachsen. Ich brauche niemanden, der mir sagt, wann es Zeit ist für das nächste Level. Das spüre ich selbst. Ich brauche auch niemanden, den ich demütig anbete oder von dem ich glaube, dass er (oder sie) viele, viele Stufen über mir steht – als Motivation irgendwann mal dorthin zu kommen, wo diejenige oder derjenige ist.
Wachstum ohne Ziel – im Fluss des Lebens
Die Weiterentwicklung findet trotzdem statt. Und es gibt Zeiten, da ist das nächste Level überhaupt kein Thema für mich. Denn da lebe ich einfach dahin, von einem Tag zum anderen. Persönliche Weiterentwicklung ist kein Wettbewerb. Wir sind ja nicht am Gameboy und wir sind nicht Super Mario. Es geht nicht darum, wer wo schneller im nächsten Level ankommt.
Im Gegenteil: Sorry, jetzt kommt die schlechte Nachricht, die du wahrscheinlich schon weißt: Wir werden nie wo ankommen. Das halte ich ausschließlich für eine Marketingmasche. Alles ist im Fluss. Wir bewegen uns immer weiter. Du kannst allerdings warten, bis du am Ziel oder am nächsten Level angekommen bist. Oder: Gleich den Weg dorthin genießen und beginnen, das wieder zu sehen und das wieder zu lieben, was du schon erreicht hast. Damit schaffst du den besten Nährboden, den es meiner Meinung nach gibt, damit das wachsen. kann, das du dir von Herzen wünschst.



