Jubeltage
Selbstfürsorge versus Grundbedürfnis
Audio-Artikel Bewusst & Sein Selbstfürsorge

Selbstfürsorge versus Grundbedürfnis

Immer mehr lässt das Thema der Selbstfürsorge die Gemüter hochkochen und die Welt (vor allem) der Mamas spaltet sich. Werbeaktionen implementieren uns, dass wir doch mit jeglicher Minute für uns selbst zufrieden sein sollten, was wiederum welch andere für plakatives Patriarchat verstehen. Demgegenüber findet ein weiterer Teil unserer Mitwelt einfache Strategien, um sich im Alltag wohler zu fühlen, und seien sie noch so „niederschwellig“, dennoch als höchstwichtig, um nicht noch weiteren Druck in unseren Stresskessel zu lassen.

Wie ich dazu stehe?

Was ich am fatalsten an der ganzen Geschichte finde – Jemand, der sich hinstellt und behauptet, genauestens zu wissen, was für jede Einzelne von uns nun Selbstliebe und Selbstfürsorge zu sein hat.

Par exemple: Eine zweifache Mami steht morgens auf, mit knurrendem Magen und Augenringen (wie denn auch sonst), und hat während ihres gesamten Wochenbettes keine einzige Minute mehr für sich gehabt. Nun ist der große Moment gekommen und Tada: Omama schaut vorbei. Sie übernimmt das Kleinkind, bringt es in den Kindergarten und geht im Anschluss mit dem kleinsten aller Mäuschen etwas spazieren. Die sich Schlodder-Mama-Fühlende wandelnde „Leiche“ ist gar zu erschöpft, um sich hinzulegen (Ja, das gibt es, Hand aufs Herz) und körperlich noch zu angeschlagen, um lange Spaziergänge durch den Wald oder der Stadt zu machen. Freund:innen arbeiten oder haben sonstiges zu erledigen und überhaupt scheint die restliche Welt in einer anderen Sphäre zu leben, in der die Uhr nun eben anders tickt.

„Was mach ich jetzt bloß?“, fragt sie sich also und erhält in derselben Sekunde den Impuls, den Einkauf, der für morgen mit Baby geplant war, vorzuverlegen und ihn ohne ihrem Säugling zu erledigen.

 

Nun denn, wir hätten hier zwei Möglichkeiten an Sichtweisen:

  1. Alleine das Wort „erledigen“ lässt einem das Schaudern über den Rücken laufen. Dieses Wort versucht uns mit all seinen Kräften davon zu überzeugen, dass es ein „Muss“ ist und somit absolut gar nichts mit Selbstfürsorge zu tun hat. Hat doch Nahrungskauf stets eher mit Überleben was gemein.
  2. Eine Mama. Seit Wochen nicht mehr alleine unterwegs. Immer mit einem saugenden Wesen an der Brust, am Bauch, am Rücken, tragend oder schiebend, schlafend -darum selbst flüsternd- oder weinend -darum frustriert und leicht beschämt-. An der anderen Hand vielleicht gar noch das Geschwisterkind, das all die Aufmerksamkeit für sich haben möchte, mal ganz von der leckeren Kinderschoki an der Kassa abzusehen.

 

Findet ihr den Fehler? Welche von uns würde es nicht vorziehen, es gar GENIEßEN, sich in Ruhe jedes Produkt dreimal ansehen zu können, sich vielleicht selbst etwas zu gönnen, freundlich zurückzulächeln, statt voller Scham für eins der sich beschwerenden Kinder. Sich vielleicht sogar das Haar zurechtzupfen und richtig attraktiv zu fühlen (nicht, dass man es nicht eh schon wäre, aber wer fühlt sich denn im Blues schon zauberhaft – Östrogen und Progesteron ade… Ihr wisst ganz genau, was ich meine, gebt es doch zu!).

Was ich sagen möchte: In einer Zeit, in der Selfcare à la Fitnessstudio, Restaurant mit der Freundin, stundenlangem Meditieren oä nicht drinnen ist, kann denn dann das „einsame“ Einkaufen nicht super mega cool sein? Wäre denn dann nicht absurderweise ein „Muss“, wenn wir es uns dabei fein machen, ein Akt der Selbstfürsorge?

Aber mal hin zum Atmen… Da oftmals verpönt. Atmen hat schon so für einige Unruhen gesorgt. Achtsamkeits- und Selbstliebetrainer:innen predigen uns regelmäßig: „Atme bewusst! Atme ein… Atme wieder aus…“ Nun gibt es viele Widerrufe aus der gegenüberliegenden Szenerie.

Da stellte ich mir die Frage aller Fragen: Hat es denn nicht etwa weniger mit dem WAS und viiiiiiel mehr mit dem WIE zu tun?

Hat es denn nicht etwa damit zu tun, dass ich mich auf das Atmen fokussiere und all das Drumherum dabei mal bewusst vergesse? Hat es denn nicht etwa damit zu tun, dass ich tief in den Bauch hineinatme, statt an meinem kargen und oberflächlichen -dem Stress und Alltagswahnsinn dankend- Schnaufen fast zu ersticken? So nennt man doch schließlich das Herumsitzen und tief ein- und ausatmen „Meditieren“, oder nicht? Und niemand will mir nun weismachen, dass die gute alte Meditation der Achtsamkeit und Selbstfürsorge trotzen wolle…?

Aber gehen wir doch noch tiefer… Sprechen wir mal das Körperbedürfnis des Entleerens an. So muss doch jede von uns mal. Eigentlich ziemlich regelmäßig sogar. Ich kann aber schnellstmöglich alles rauslassen, was sich da in mir so ansammelt, bestenfalls richtig abdrücken und halb dabei schon wieder das Höschen hochziehen, weil das Baby schreit. ODER ABER ich kann das Baby mitnehmen oder für Betreuung sorgen, wenn denn jemand zuhause ist und mir dann vollste zehn Minuten Zeit nehmen und so richtig fein kommen lassen. Sich dem Körper und seinem Rhythmus völligst hingeben.

Die Dusche!!!! Kann die Dusche nicht all der Mamas Feind sein, weil man nun mal darunter muss, um halbwegs komfortabel zu bleiben, sich dabei aber eiligst die Achseln schrubbt und das Rasieren zum Schlachten transformiert, damit Frau und Mutter auch wieder schnell das heilige Bad verlassen kann?! Die Kids üben sich schließlich schon in sämtlichen Kampfsportarten… ODER kann frau sich eine halbe Stunde gönnen und sich liebevoll um sich selbst kümmern – es nenne sich Selfcare?

Da hätten wir also drei Handlungen, allesamt zum einen als Grundbedürfnis und zum anderen zur Selbstfürsorge deklariert. Dieselbe Handlung. Ihr seht?

 

Ich komme also FÜR MICH zu folgendem Schluss:

Es gibt nicht DIE Selbstfürsorge. Es gibt nicht eine Regel dafür, was Selbstfürsorge zu sein hat und was nicht. Es gibt keine Bibel der Selfcare. Es gibt keine Gebote, nach denen wir uns richten oder gegen ebendiese verstoßen können. Es gibt nicht nur den EINEN passenden Schlüssel für diese Tür. Einmal muss es schnell gehen. Einmal können wir uns Zeit nehmen und ein- und dieselbe Handlung genießen. Einmal fahre ich mal eben schnell die Kinder abholen. Und einmal schreie ich mir während der Fahrt meine Rockseele aus dem Leib und komme stumm aber selbstversöhnt in der Schule an.

Sehen wir es doch mal so: Wir alle hier haben etwas gemein. Wir haben noch viel zu viel Tag vor uns, wenn es längst zum Sonnenuntergang kam. Wir haben so viele To-Dos im Kopf, so viele Listen zum Abhaken, so viele Bedürfnisse ANDERER zu stillen, bevor wir überhaupt auf die Idee zu kommen scheinen, dass auch wir aus Fleisch und Blut und Gedanken und Gefühlen und Bedürfnissen bestehen. Und stellt euch vor: Auch die unseren wollen gestillt werden.

Wir sollten uns darum die Hände reichen und Inputs austauschen und jede von uns nimmt sich das mit, was IHR JETZT guttut. Ich will dabei nicht hören müssen, dass ich mir mehr oder anderes nehmen sollte, weil mir MEHR und ANDERES zusteht. Denn was geschieht dann? Ich bekomme abermals das Gefühl, zu versagen. Ich strebe wieder nach einer weiteren Liste. Vielleicht hätte mir das bewusste Atmen aber HEUTE gereicht? Vielleicht nehme ich mir nächste Woche dafür umso mehr Badewannenzeit und Hullermomente mit.

Denn stellt sich jemand hin und sagt, wie es gehen SOLL, tappen wir denn nicht schon wieder in eine Selbstoptimierungsfalle? Öffnen wir unseren Geist nicht schon wieder für weiteren Mental Load? Und schon dreht sich mein Hamsterrad wieder weiter…

 

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