Ratschläge überfallen uns meistens dann, wenn wir gar nicht damit rechnen. So wie an diesem wunderschönen, sonnigen Tag, als ich nichtsahnend vor der Schule meiner Tochter stand, um sie abzuholen, als plötzlich eine Mutter vor dem Schulgebäude zu mir meint:
„ICH HAB DA SO EIN TOLLES BUCH GELESEN MIT DEM MAN MÜHELOS UND SCHNELL ABNEHMEN KANN – DAS WÄRE AUCH WIRKLICH WAS FÜR DICH.“
„BÄM!!“ Wie ein Sandsack trifft mich dieser Ratschlag am Kopf. „Ja, durch Corona haben wir ja alle etwas zugenommen“, plaudert sie munter weiter. „Ich auch!“ Noch benebelt von dem Volltreffer, den sie gerade eben gelandet hatte, schweifen meine Augen über ihren sehr schlanken Körper. „Konfektionsgröße 36, maximal 38“ flüstert meine innere Stimme mir zu.
„Ja und ich dachte mir, es wäre jetzt mal wirklich Zeit gegenzusteuern“, flötet sie weiter. „Dieses Buch ist wirklich toll, weißt du, ich kenne das: man sitzt nur zu Hause, bewegt sich zu wenig, isst zu viel Süßigkeiten und Fast Food und ehe man sich versieht, geht man auseinander wie ein Krapfen, hihi.“
Ich spüre, wie diverse Gefühle in mir hochsteigen: Wut, Verletzung, Ohnmacht, Trauer. Trotzdem nicke ich lautlos und versuche interessiert zu wirken. Und das macht mich noch wütender … Ich atme innerlich richtiggehend auf, als die Kinder aus der Schule stürmen und meine Tochter mir um den Hals fällt. „Nur weg hier und nach Hause!“ denke ich mir und sage zu ihr: „Schatz, wir gehen jetzt schnell nach Hause, auf mich wartet noch eine Telefonkonferenz.“
Auf einen Blick
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- Ungefragte ratSCHLÄGE sind immer Grenzüberschreitungen – besonders bei sensiblen Themen.
- Gefühle zuerst anerkennen (Wut, Trauer, Ohnmacht), dann handeln.
- Eigene Geschichte im Blick behalten: Was triggert – und warum?
- Werkzeugkiste: Ratschläge sammeln → Passendes behalten → Rest „kübelen“.
- Grenzen setzen lernen: kurze Stopp-Sätze reichen.
- Selbstmitgefühl, wenn es (noch) nicht gelingt: beim nächsten Mal neu versuchen.
Leider haben die ratschlaggebende Mutter, ihre Tochter und wir denselben Heimweg, zumindest eine kleine Strecke lang. Wir setzen uns in Bewegung und sie fängt wieder damit an: „Ich habe das jetzt wirklich 2 Wochen lang ausprobiert, was in diesem Buch steht und es klappt! Ich habe super damit abgenommen – probier das mal!“ Endlich sind wir an dem Punkt, an dem sich unsere Wege trennen, angelangt. „Mach ich!“ rufe ich ihr zu und haste schnellen Schrittes mit meiner Tochter an der Hand zu unserer Wohnung.
Zu Hause angekommen zieht sich meine Tochter in ihr Zimmer zurück. Mein Mann ist zu Hause – ich setze mich auf den Lesesessel ins Wohnzimmer und atme und fühle. Fast bleibt mir die Luft weg bei dem Gedanken, wie ich stillschweigend diese Grenzüberschreitung und den Übergriff ertragen hatte.
„Was ist denn los?“, fragt mein Mann. Da bricht es aus mir heraus:
„ICH KÖNNTE EXPLODIEREN!“, brülle ich. „DIE MAMA VON P. HAT MIR GERADE ABNEHMTIPPS GEGEBEN UND MICH DAMIT BEQUATSCHT, DASS DIESES BUCH, DAS SIE DA GELESEN HAT, AUCH SUPER FÜR MICH WÄRE. WAS BILDET DIE SICH EIGENTLICH EIN?“
„Oh nein!“, sagt mein Mann. „Das gibt es ja nicht.“ ER – der 25 Jahre mit mir zusammen ist – kennt natürlich alle Hintergründe, welche die Mutter der Schulfreundin meiner Tochter nicht kennt. Er weiß, dass ich, was mein Gewicht betrifft, schwer traumatisiert bin, dass ich meine erste Diät mit 8 Jahren gemacht und für meine Abnahme damals ein besonderes Federpenal bekommen habe. Dass vom Alter von acht ungefähr bis 25 Jahre ständiges Wiegen und Diäten zu meinem Alltag gehörten. Dass ich mit 14 Jahren eine massive Essstörung entwickelt hatte und letzten Endes mein mangelndes Körperbewusstsein dazu geführt hat, dass ich nicht einmal versucht hatte, meinen Traum Musicalsängerin zu werden, in die Tat umzusetzen. Mir wurde damals gesagt: „Mit dieser Figur besser Oper.“ Wenn ich heute die Fotos von damals sehe, dann kann ich das zwar nicht nachvollziehen, aber bitte.
Die Mutter der Schulfreundin meiner Tochter weiß auch nicht, dass ich die letzten 20 Jahre damit verbracht habe, irgendwie aus dem ständigen Kreislauf von Selbsthass, Ablehnung, Abnahme, Zunahme etc. auszusteigen und glücklich und dankbar bin, es geschafft zu haben. Dass ich seit ein paar Jahren auf einem sehr gesunden Weg bin, meinen Körper anzunehmen, wie er ist, und die Heilung Stück für Stück voranschreitet. Sie weiß natürlich auch nicht, dass ratSCHLÄGE wie diese vor der Schule so unfassbar viel in mir triggern und auslösen. Das kann sie nicht wissen.
Der Grund, warum ich im Laufe des Gesprächs mit meinem Mann im Lesesessel sitzend in Tränen ausgebrochen bin, war, dass mir bewusst wurde, wie wütend ich war und dass ich aber nichts gesagt habe. Ich habe nur zustimmend genickt, als sie ihre Ratschläge verteilt hat. Ich kann mich noch erinnern, ich habe damals zu meinem Mann gesagt: „Ich flipp fast aus, wenn ich darüber nachdenke, wie ich mich verhalten habe.“
Ab diesem Zeitpunkt war mir klar: Noch mehr als die Worte der Mutter über das tolle Abnehmen-Buch hat mich verletzt, dass ich sie nicht in ihre Schranken gewiesen habe. Dass ich ihr nicht gesagt habe, dass ich mich für den Tipp bedanke, aber dass ich derzeit keine Diät machen möchte.
Gerade bei Themen, die uns sehr triggern, fällt es uns besonders schwer, weil wir in dieser Situation in ein kindliches Verhalten zurückfallen. Und wenn ich jetzt so im Rückblick darüber nachdenke, dann kann ich regelrecht spüren, wie ich bei jedem ihrer Worte und jedem ihrer Ratschläge innerlich immer kleiner und kleiner wurde. Und das war es, was mich so verletzt und wütend und emotional gemacht hat.
Was du statt „weglächeln“ tun kannst
Wir können die anderen nicht ändern, wir können nur uns selbst ändern. Das heißt: Du wirst immer wieder mit ungebetenen Ratschlägen konfrontiert werden. Auch wenn wir uns in vielen Fällen mehr Empathie wünschen, wird das vermutlich nicht immer der Fall sein.
Mein „Körberl“-Prinzip:
Ich gebe Ratschläge – auch die ungebetenen – innerlich in ein Körberl. Dann entscheide ich bewusst, was ich herausnehme, weil es gerade stimmig ist. Der Rest wird gekübelt.
Wenn aus Rat ein ratSCHLAG wird:
Wird ein Ratschlag verletzend oder grenzüberschreitend, ist es deine Aufgabe, klar Stopp zu sagen. Das muss nicht lang sein. Ein kurzer Satz reicht:
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„Danke, aber ich mache das lieber anders.“
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„Danke für den Tipp – das möchte ich jetzt nicht.“
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„Danke, das passt für dich, aber nicht für mich.“
Wenn Stopp (noch) nicht geht: Dann darfst du gehen. Flucht ist nicht die ideale Lösung – aber besser als schweigend aushalten. Später kannst du dich sortieren und überlegen, was du beim nächsten Mal sagen möchtest.
Und wenn du – wie ich – trotz aller Vorsätze nichts gesagt hast: Bitte sei freundlich zu dir. Schon zu merken, dass es eine Grenzüberschreitung war, ist ein Fortschritt. Gesund zu reagieren ist der nächste Schritt – und Gelegenheiten zum Üben wird es leider genug geben.
„Hast du gefragt?“ – Selbstreflexion für beide Seiten
Auch wir selbst dürfen uns bei der Nase nehmen. Eine liebe Wegbegleiterin hat mir vor Jahren einen Satz geschenkt, der mich bis heute begleitet:
„Hast du gefragt, ob dein Gegenüber überhaupt ein Feedback, einen Ratschlag oder einen Tipp haben möchte?“
Diese Frage hat mich geprägt. Immer wenn ich versucht bin, ungefragt Tipps zu geben, halte ich inne: Habe ich gefragt? Wenn nicht, hole ich das nach – und akzeptiere selbstverständlich, wenn die Antwort „Nein“ lautet.
Vielleicht denkst du jetzt: „Ja, aber sie hat es ja nur gut gemeint.“ In Kärnten gibt es den Spruch: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“ Ich finde, „gut gemeint“ können wir getrost vergessen – ratSCHLÄGE, die wir ungebeten austeilen, bleiben Schläge und werden selten zu dem, was wir eigentlich wollen: wohlwollend unterstützen.
👉 Übrigens: In der Jubeltage App findest du kurze alltagsnahe Impulse für mehr Selbstmitgefühl und klare Grenzen. Sie erinnert dich jeden Tag daran: DU BIST WICHTIG.
Kurze Stopp-Sätze (zum Abschauen)
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„Danke – ich bin gut versorgt.“
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„Ich möchte das Thema nicht besprechen.“
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„Ich weiß deine Sorge zu schätzen, entscheide das aber selbst.“
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„Ich melde mich, wenn ich einen Rat möchte.“
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„Stopp. Das ist mir zu persönlich.“
(Tipp: Ein bis zwei Sätze auswählen, aufschreiben oder in die Notizen der App speichern.)
Dein Jubeltage Impuls
Ungefragte Ratschläge fühlen sich oft wie kleine Schläge an – besonders dann, wenn sie alte Wunden berühren. Wichtig ist: Du bist nicht verpflichtet, sie stillschweigend anzunehmen. Du darfst entscheiden, was du dir anhörst, was du für dich behältst und wozu du einfach „Nein, danke“ sagst.
Vielleicht gelingt es dir nicht sofort, klar zu reagieren. Das ist in Ordnung. Manchmal merken wir erst im Nachhinein, dass eine Grenze überschritten wurde. Schon dieses Bewusstsein ist ein Schritt in Richtung Veränderung.
Halte dir vor Augen: Jede Grenze, die du setzt, ist auch ein Ja zu dir selbst. Und auch wenn es im Moment schwerfällt – es kommen wieder leichtere Zeiten. Du musst damit nicht alleine bleiben. Suche das Gespräch mit Menschen, die dich verstehen, oder hole dir Unterstützung. Allein das Aussprechen deiner Gefühle kann schon entlasten – und dir Mut machen, beim nächsten Mal klarer zu reagieren.
FAQ
Warum verletzen ungefragte Ratschläge so sehr?
Weil sie oft unsichtbare Grenzen überschreiten und alte Themen triggern – vor allem bei Körper, Erziehung, Beziehungen oder Gesundheit.
Wie reagiere ich, wenn mir in der Situation die Worte fehlen?
Erlaube dir ein neutrales Beenden („Ich muss los – wir sprechen ein andermal“) und bereite danach zwei kurze Stopp-Sätze vor. Übung macht es leichter.
Wie kann ich vermeiden, selbst ungefragt Ratschläge zu geben?
Vorher fragen: „Möchtest du einen Tipp – oder nur, dass ich zuhöre?“ Wenn „Nein“, dann halten – präsent und wertschätzend.
Was, wenn die Person nach meinem Stopp weitermacht?
Wiederholen, verkürzen, beenden („Ich habe es gesagt – ich steige hier aus.“). Deine Grenze gilt auch dann, wenn sie nicht gefallen mag.



