Jubeltage
Feminismus
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Der Luxus, in meiner Bubble der Nichtdiskriminierten zu leben – oder als Frau etwa doch nicht?

Da werde ich also durch unsere gut vernetzte Welt aus meiner veralteten, aber doch so viel einfacheren Bubble, die aus „mit oder ohne Penis“ bestand, voller Wucht rausgerissen. Ich befinde mich nun in einem Universum, in dem sich so viel mehr an Identitäten bewegen (mal davon abgesehen, dass eine Identität nicht ausschließlich aus ihren Genitalien besteht).Ich beginne also, nachdem ich verdaut habe, dass ich noch bei weitem nicht so weltoffen bin, wie ich dachte, mich mit all den neuen Definitionen auseinanderzusetzen und bin wiederholt dazu geneigt, alles zuuu kompliziert, zuuu übertrieben und überzogen zu finden, um mich dann durch die erzählten Realitäten betroffener Menschen, wieder auf den „richtigen“ Pfad führen zu lassen. Ich lese also vermehrt über Geschichten diverser Menschen (im wortwörtlichsten aller Sinne) und schlage gefühlte Millionen von Malen „LGBTQ1 ohne Zeichen, „LGBTQ+2 mit einem Plus, „LGBTQ*“3 mit einem Stern, dann noch ergänzt durch das „…IA“4, dann kommt mir „Queerness“ 5und „FLINTS“ 6 unter und irgendwann vergesse ich wieder alles, vermutlich aus purer Überforderung. Klar, ich kann es mir leisten, so als Nicht-Betroffene.

So höre ich, wie die Generationen vor uns, aber auch unsere eigene, nicht mehr wissen, was sie sagen und nicht sagen dürfen.

Vorherige, aber auch „unsere“ Jahrgänge trauen sich entweder im Strom der Gleichberechtigung mitzufließen oder halten sich noch etwas behaglich am Ufer fest. Dann gibt es noch die Anderen da: Die, für die wir uns schämen sollten, weil sie mit missbilligenden Äußerungen à la:

  • „Jetzt übertreiben aber alle langsam.“
  • „Jetzt ist mal gut.“
  • „Ja darf man denn gar nichts mehr sagen?“
  • „Früher war das ja auch in Ordnung.“
  • „Früher hat man das ja auch gesagt.“
  • „Ich kenne welche, die sich noch nicht gekränkt oder verletzt gefühlt haben…“

um sich schlagen. Naja, klar. Früher trauten sich die einsamen Stimmen vermutlich noch nicht. Schön, dass wir da etwas fortschrittlicher und mutiger geworden sind. Und ja, es fühlt sich vielleicht nicht JEDE:R gekränkt. Aber genügend Menschen schon. Mal davon abgesehen, dass sich NIEMAND verletzt fühlen sollte, aufgrund von Sprache, Kommunikation oder einfach ganz überhaupt.

Internalisierter Rassismus in unser aller Kopfe

So höre ich also immer mehr zu, wenn ich Menschen darüber sprechen höre, schlage jedes Mal, wenn verunsichert, nach, was mit jeglichem Begriff gemeint ist, folge neuen Accounts, die Wichtiges und Aufklärerisches zu sagen haben und gehe mit noch offeneren Augen durch die Welt, wissend, dass meine Augen verschlossener waren, als ich je gedacht hätte. Bekennend, dass selbst ich, die lange Zeit glaubte, vorurteilsfrei und gerecht zu sein, internalisierten Rassismus lebe, weil ich gar nicht anders konnte bzw. so aufwuchs bzw. es schlichtweg nicht besser wusste (puh… sind das Ausreden?). Ich erkannte, dass ich Menschen nicht immer gleich begegnete, dass ich verängstigter war, wenn ich nachts auf Männer traf, die ich aufgrund ihres Aussehens als „ausländisch“ bezeichnete, als wenn ich auf „vermeintliche“ Österreicher traf. Ich fühle die Schamesröte in meinem Gesicht. Es tut weh, dies so laut auszusprechen… Auf ewig schriftlich festzunageln…

Damals, als ich den Taufpfarrer meiner Tochter fragte, woher er denn ursprünglich käme, schlichtweg aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe und seines Akzents. Internalisierter Rassismus. Und klar, ich meinte es nicht böse. Es war reine Neugierde. Ich fand ihn tausendmal sympathischer als jeden anderen Pfarrer bisher. Aber ging diese Frage nicht zu weit? Hatte ich ihn damit gekränkt? Sie war übergriffig, so wie jedes dieser „Woher kommst du eigentlich? Also so richtig?“ Aber ich schweife ab…

Ich bin eine Frau …

Die letzten Monate oder die letzten zwei Jahre in etwa, öffneten mir immer mehr die Augen. Vielleicht durch meine altersbedingte „Reife“, vielleicht waren es aber auch all die tragischen Ereignisse, die wir beobachten mussten, weit weg vom eigentlichen Geschehen, aus sicherer Ferne, im Luxus der Behauptungen, es sei ja nicht so schlimm, nicht bei uns, wir doch nicht… Aber einer Sache war ich mir bewusst. ICH BIN EINE FRAU. Und das reicht aus. Das reicht aus, um meine Bubble zum Platzen zu bringen, um all diese rosa Elefantchen zu grausigen Grimassen zu transformieren und all die Diskriminierungsrealität nicht mehr fern von allem zu erleben. Denn:

GENDER PAY GAP7 ist Realität.

SEXISMUS8 ist Realität.

FEMINIZIDE9 sind Realität.

Wusstet ihr, dass vieles in der Medizin auf den männlichen Körper abgestimmt ist? Dass ein Herzinfarkt bei einer Frau eine andere Symptomatik aufweist als bei Männern? Hört frau nicht so oft, gell? Dass Behandlungen und Medikamente ebenso nicht genügend auf den weiblichen Körper angeglichen werden… In Sicherheitsangelegenheiten? Dito. Airbag Systeme, Gurte uä sind auf den männlichen Körper abgestimmt. YES. Erschreckend, nicht wahr? Ganz zu schweigen davon, wie es in der Verhütungs-Thematik um die Gleichberechtigung steht…

Aber lieber wird diskutiert, wenn ein Freibad einen Bereich für ein paar Stunden nur für Frauen freihält. Von Männern, klar, denn sie verspüren vielleicht Angst vor Entmachtung? Fühlen plötzlich ebenfalls sowas wie Diskriminierung, weil sie genau während dieser Stunden in genau diesen einen Bereich gehen möchten, es ihnen aber verwehrt wird und sie nur noch den größten aller Bereiche zur Verfügung hätten, samt aller Schwimmbecken. Das ist auch schließlich echt gemein…

Und es wird darüber diskutiert, wenn Frauen sich über Catcalling beschweren oder darüber, dass „zu kurze Röcke“ doch bitte selbst für Furore sorgen. Triggerwarnung und Ironie: Schließlich könnte frau die ekligen und schweinischen Rufe der Gentlemen ja als Komplimente verstehen. Seien wir doch mal nicht so… Und tragen wir zu kurze Shorts und zu enge Shirts, na dann laden wir die Herren ja schon ein bisschen dazu ein, uns zu begrapschen und hinterherzuschreien! Ach kommt schon, seien wir doch mal ehrlich…

Sexismus von Kindestagen…

Mal im Ernst: Ich finde es echt beschissen, dass ich darauf achten muss, wie lange der Rock meiner Tochter ist oder ihre Shirts im Sommer eh ihren Bauchnabel bedecken, weil ich sämtliches Kopfkino anderer befürchte.

Warum MUSS ich mir Gedanken machen, ab wann ein weiblich gelesenes Kind nicht mehr nur in Badehose gehen, sondern einen Bikini tragen sollte? Und warum MUSS ich als gelesene Frau selbst in einem FKK-Bereich Blicke über mich ergehen lassen, die der Mann da neben mir NICHT abkriegt?

Warum MUSS ich meinen Töchtern erklären, wie sie – noch längst keine Frauen – sich anziehen dürfen und wie nicht, wie benehmen und wie nicht?

Nun denn, ich erkläre ihnen also, wie unsere Gesellschaft (noch immer) funktioniert, wie sie mehrheitlich denkt und welche Gefahren sich darin verbergen. Wie ich sie davor schützen muss. Ich sage aber auch, wie hundsmiserabel und lausig und unter aller Sau ich das finde, wie eklig und übergriffig. Das sehe ich als meine Pflicht. Als Mensch. Als Frau. Als Mutter. Und ich sage: „Du bist ein wunderbarer Mensch. Mit einem wunderbaren Körper. Mit dem Recht, dich FREI zu bewegen. Mit dem Recht, SELBST über dich zu entscheiden. ABER es kann sein, dass…“ Wie erbärmlich dieser letzte Satz doch ist, in all seinem Dasein, in all seiner Existenz…: „ABER es kann sein, dass…“

Schluss mit der Ignoranz!

Und so steigt in mir auch mehr und mehr der Wille, mich in allen anderen Begrifflichkeiten genauso zu (be-)lehren und NICHT mehr wegzusehen, wenn nötig, hunderte von Malen nachzuschlagen, was all die Worte bedeuten, die ich noch immer nicht vollkommen und ganz in meinen Wortschatz integrieren konnte.

Und ich entschuldige mich für meinen internalisierten Rassismus, meinem Wegsehen, meiner Ignoranz und meinem (wenn auch irgendwie gefühlt unschuldigen) Desinteresse und gelobe Verbesserung meinerseits.

Denn die Hoffnung, meine Kinder in eine bessere und gerechtere Welt loszulassen, stirbt nun mal zuletzt und ich will dazu meinen Beitrag leisten und ihnen ein Vorbild sein… Macht doch mit, bitte… Es ist (längst) an der Zeit!

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Foto: Mati Photography

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1. LGBTQ: Bezeichnung für: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer
2. LGBTQ+: Das Plus und Sternchen stehen für andere mögliche Geschlechtsidentitäten, die nicht erwähnt und sich nicht in diesen Begriffen einordnen lassen
3. LGBTQ*: Das Plus und Sternchen stehen für andere mögliche Geschlechtsidentitäten
4. LGBTQIA:  Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender, Queer, Intersexual und Asexual
5. Queer: Sammelbegriff für Menschen, deren sexuelle Identität und Orientierung nicht der Heteronormativität entspricht
6. FLINTS: Frauen, Lesben, Intersexuelle Personen (divers), Nicht-binäre Personen, Trans*Personen
7. Lohnlücke oder geschlechtsspezifisches Lohngefälle
8. Unbewusste oder bewusste Diskriminierung auf Basis des Geschlechts. Grundlage von Sexismus sind sozial geteilte Geschlechtertheorien bzw. Geschlechtsvorurteile, die von einem ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern ausgehen und sich in Geschlechtsstereotype zeigen.
9. Als Femizid bezeichnet man die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts  

Quellen:

https://kritische-maennlichkeit.de/glossar/flint-lgbtiqa-usw/
https://de.wikipedia.org/wiki/Gender-Pay-Gap
https://de.wikipedia.org/wiki/Sexismus
https://de.wikipedia.org/wiki/Femizid

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